Selbstvergewisserung

Diesen Beitrag habe ich vor einer Weile geschrieben und nicht wie die anderen eingestellt, sondern war schusslig. Hier ist er also jetzt.

Die neue Ausgestaltung meiner Arbeit wirft Fragen auf und beantwortet auch viele – manche davon hätte ich mir vorher schon mal stellen sollen, hab ich aber nicht. Nur als Beispiel: Welcher Tagesrhythmus passt zu mir und meiner Arbeitsweise, meinen Schlaf- und Essgewohnheiten, meinen Energielevels? Zu welcher Tageszeit möchte ich gern welche Art von Arbeit machen, und wie viel Einfluss habe ich darauf, dass das auch klappt? Wo bin oder fühle ich mich fremdbestimmt? Womit habe ich vor einigen Monaten noch viel Zeit verbracht, und jetzt ist es weg und ich vermisse es auch gar nicht?

Und dann ist da dieses Bündel von Fragen, das nicht nur mich betrifft, sondern alle, die recht selbstbestimmt an etwas arbeiten und sich frei einteilen können, wie sie das machen. Was ist genug? Wie viel ist genug? Was ist gut genug?

In der Forschung ist das gar nicht so schwierig, weil ich da einfach mache, die Zeit vergesse und erst dann externe Beurteilung ins Spiel kommt, wenn ich zum Beispiel einen Artikel schreibe und einreiche. Da ist es irgendwie nie genug, man kann immer weitermachen, die Pausen sind willkürlich (oder ich kann halt die Augen nicht mehr aufhalten). Erst ein Zeitplan bringt die Fragen zurück. Wenn ich mir vorgenommen habe, einen angefangenen Artikel im Lauf von drei Monaten fertigzuschreiben, woher weiß ich dann jeden Tag, ob ich genug gemacht habe? Woher weiß ich beim Schreiben, ob das alles richtig ist, ausführlich genug, passend zur Leser*innenschaft? Momentan läuft das rein praktisch: Ich weiß, wo die Baustellen sind und was schnell geht, und für Ausführlichkeit etc hole ich mir Hilfe bei Kolleg*innen. Das kommt mit der Erfahrung: Wer kann beim Lesen auf was achten, wer findet Fehler, stellt gute Fragen, mit wem macht es Spaß, über sprachliche Details zu diskutieren? Das geht aber nur, weil ich mein Schreibtempo recht gut kenne. Wäre das anders, dann müsste ich mich hinsetzen und überlegen, wie viel ich im Schnitt jeden Tasg schreiben muss, damit es klappt. Dabei kann durchaus ein kleines Lemma eine Woche dauern und der Hauptsatz am Ende nur eine Stunde….

Viel spannender ist es in der Lehre und Betreuung. Wenn man sich zwischendurch mal sieht, kann man fragen, wie es so läuft. In der Vorlesung kann ich in die Gesichter schauen und sichtbares Unglück bzw. offensichtliche Verwirrung aufgreifen und nachfragen, ob das was mit mir und der Vorlesung zu tun hat. Ich kann das Tempo und die Ausführlichkeit anpassen, je nachdem, ob die Leute gelangweilt nicken, interessiert die Augenbrauen hochziehen, mich wie Autos fragend anstarren oder ein vor Panik erstarrtes Gesicht machen. Virtuelle Lehre macht das viel schwieriger, so dass ich mir viel öfter die Frage stelle, ob ich genug mache. Sind die Notizen ausführlich genug? Genug Beispiele? Genug Erläuterungen im Podcast? Sind die Antworten auf Fragen ausführlich genug? Bei Schweigen im Walde kann ich in der Vorlesung die Gesichter deuten oder fragen, da wird schon jemand was sagen. Oder Jean-Luc gibt Auskunft. Aber virtuell, oft zeitversetzt, da kann auf einmal alles da sein von „Alles super, das Material ist komplett ausreichend und wir sind alle wunschlos glücklich.“ bis hin zu „Ich habe gar keine Ahnung, komme weder allein noch mit anderen weiter und habe viel zu viel Angst, um nachzufragen.“

Die Frage, wie ich die Qualität meiner Lehre und Betreuung beurteile (unterwegs, nicht durch Evaulationen) muss ich also anders beantworten als sonst. Das bedeutet auch, dass die Frage „Mache ich meine Arbeit gut?“ auf einmal mehr Bedeutung hat als noch vor ein paar Monaten.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.