Aufgabe und Auftrag

Vor einer Weile, in einem Gespräch unter Künstlerinnen, kam ein Gedanke auf, der mich seitdem nicht losgelassen hat. Und heute früh auf dem Fahrrad sah ich auf einmal eine Verbindung zur aktuellen Pandemie-Situation und mir wurde klar, dass ich dazu etwas schreiben möchte.

Mit der Unsicherheit und den vielen Fragen, die sich seit Mitte März aufgetan haben, kam ich dadurch zurecht, dass ich mich immer wieder gefragt habe: Was ist gerade meine Aufgabe? Das passierte meistens unbewusst, und erst jetzt verstehe ich, dass diese Frage ganz gut als Navigator funktioniert hat, um in der Unsicherheit nicht ins Schwimmen zu geraten. Präsenzlehre darf nicht stattfinden? Ok. Lehre gehört zu meinen Aufgaben (und zwar zu den besonders schönen), was also ist jetzt zu tun? Was für Infos brauche ich, was muss abgesprochen werden, und vor allem – was brauchen die Studis? Sofort war mir klar, was ich zu tun habe. Sprechstunden sind nicht mehr erlaubt? Ok. Was ist meine Aufgabe? Trotzdem ansprechbar für die Studis zu sein. Präsenz zu zeigen, irgendwie den Kontakt zu halten und sie mit Infos zu versorgen. Bei Bedarf individuelle Absprachen treffen, telefonieren, irgendwie trotzdem einen Weg zum Austausch finden.

Meine Dienstaufgaben sind recht frei formuliert, ich soll forschen, lehren und mich an der Selbstorganisation der Uni beteiligen. Also musste ich „nur“ herausfinden, wie ich all das trotz der Einschränkungen tun kann. Aus dem Privileg, gut bezahlt zu werden und sicher versorgt zu sein (plus Dach über dem Kopf plus Gesundheit) habe ich den Auftrag abgeleitet, alle Aufgaben weiterhin so gut wie möglich zu erfüllen und zusätzlich noch möglichst gut da zu helfen, wo es Schwierigkeiten gibt. Was sind Ihre Aufgaben? Welchen Auftrag leiten Sie aus Ihrer aktuellen Situation ab? Erst mal klarkommen, das Studium geregelt kriegen, kleinere Geschwister oder Kinder versorgen, zum Lebensunterhalt beitragen, sich um kranke Angehörige kümmern, Leute unterstützen, die sozial isoliert sind, anderen Studis beim Lernen helfen,…..? Mir hilft die Frage „Was ist jetzt meine Aufgabe?“ gerade extrem weiter. Sie hält das Ego in Schach, verhindert oft Kompetenzgerangel und hat mich bisher gut durch die Unsicherheit geleitet.

Die Frage nach dem Auftrag ist in Wirklichkeit größer, denn man kann sie verstehen als „Was soll ich in meinem Leben tun?“. Ich mag die Sichtweise, dass es nicht darum geht, was man bekommt (oder erreicht, verdient,..), sondern darum, was man beiträgt. So kann sich aus eigenen Begabungen, Interessen oder auch schrecklichen Erfahrungen ein Auftrag ableiten, und der muss nicht das ganze Leben lang gleich bleiben. Wenn ich im Hörsaal stehe, auf einer Konferenz vortrage oder im Workshop rumwusle, lebe ich meinen Auftrag anders aus als als Künstlerin.

Je nach Weltanschauung kann es naheliegend sein, zu glauben, dass man Aufträge von Gott, den eigenen Vorfahren oder so bekommt. Oder dass es eben Schicksal ist, auf eine gewisse Weise durch’s Leben zu gehen. Aber auch ohne all das ist es möglich, so etwas wie den eigenen Auftrag zu finden, und die letzten Monate fand ich da sehr erhellend. Da wurden nämlich viele von uns auf sich selbst zurückgeworfen und haben sich dadurch selbst besser kennengelernt. Ich wurde zum Beispiel noch dünnhäutiger als sonst, übersensibel und schnell verstört von der unterschwelligen Aggression, mit der manche auf die Situation reagiert haben. Gleichzeitig waren alle Kanäle weit offen für das, was in der Welt vorgeht und für die Menschen, die viel mehr unter den Einschräkungen leiden als ich. Eine Künstlerin brachte mich auf die Idee, dass genau diese Empfindungen mich auf die Spur zu meinem Auftrag führen könnten.

Und während sich in meinem Hinterkopf nach und nach die Puzzlestückchen sortieren, möchte ich Sie einladen, sich mit der gleichen Frage zu beschäftigen. Inwiefern lässt sich aus Ihren Erfahrungen und Ihrem Blick auf die Welt ein Auftrag ableiten?

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