Ehrgeiz

Nach einem längeren E-Mail-Austausch, u.a. zu den Themen Ehrgeiz und Perfektionismus, hatte ich plötzlich Lust, etwas zum Thema Ehrgeiz zu schreiben. Hauptsächlich deshalb, weil mir mein eigenes Verhältnis
dazu nicht klar ist und ich beim Schreiben gut nachdenken kann.
Außerdem ist das mal ein Thema, bei dem man einsteigen kann mit
„Der Duden definiert …“, das wollte ich schon immer mal machen.

Der Duden definiert Ehrgeiz als „starkes oder übertriebenes Streben nach Erfolg und Ehren“. Bevor wir gleich zu Synonymen kommen, möchte ich meine Überraschung ausdrücken – die Beschreibung hat für mich einen leicht negativen Beiklang („übertrieben“), wohingegen ich das Wort Ehrgeiz bisher als wertneutral aufgefasst hatte. Mein Gefühl wird durch „starkes Streben nach Erfolg“ gut getroffen. Natürlich stellt sich bei dieser Definition die Frage, was Erfolg ist. Streben nach Ehren klingt für mich wie Streben nach Anerkennung, so dass das Ziel, das ein ehrgeiziger Mensch hat, nicht zuletzt davon abhängt, was andere Menschen für Erfolg halten.

Als Synonyme nennt der Duden die Wörter Bestrebung, Ehrsucht, Eifer, Fleiß, Geltungsbedürfnis, Geltungsdrang, Ruhmsucht, Streben und Strebsamkeit. Einige davon empfinde ich auch wieder als negativ konnotiert, so dass ich verständlich finde, dass Ehrgeiz nicht nur als positiver Charakterzug gesehen wird. Interessant eigentlich, wo wir doch in einer recht leistungsbezogenen Gesellschaft leben und man denken könnte, dass das Streben nach Erfolg grundsätzlich positiv konnotiert ist. Bisher habe ich beobachtet, dass Menschen, die selbst nach Anerkennung streben und sich für sehr leistungsfähig halten, Ehrgeiz positiv bewerten und sich schnell abfällig äußern, wenn sie Menschen als unfähig oder faul wahrnehmen. Besonders entlarvend fand ich da mal den Ausspruch „Ehrgeiz kann man nicht lernen.“, der bei mir sofort Widerstand auslöste. Ich dachte „Warum eigentlich nicht? Und was möchtest Du lernen? Empathie? Bescheidenheit?“ Solche Aussprüche machen mich wütend, weil da Menschen in Schubladen gesteckt werden. Aber gucken wir mal inhaltlich genauer hin! Manche Menschen entwickeln erst im Laufe ihres Lebens Ehrgeiz, oder sie verlieren ihn. Das spricht dagegen, das man mit einer festen, unveränderlichen Portion Ehrgeiz auf die Welt kommt, sondern es spricht eher dafür, dass wir da etwas lernen oder auch verlernen.

Schauen wir mal, was der Duden noch sagt – immerhin zeigt sich hier auch etwas darüber, was wir als Gesellschaft mit dem Wort verbinden. Als gehobenes Synonym für Ehrgeiz wird „Ruhmbegier(de)“ vorgeschlagen, als bildungssprachliche Synonyme werden „Ambition“ und „Aspiration“ genant und dann kommt noch das abwertende Synonym „Strebertum“. Ja, das kennen einige von uns aus der Schule. Wer sich anstrengt und gute oder sehr gute Leistungen bringt, ist ein*e Streber*in. Wenn man sich nicht anstrengt und es trotzdem gut klappt, kann das noch sozial akzeptiert sein, bei sehr guten Leistungen ohne sichtbare Anstrengung wird es schwierig. Ist ja auch irgendwie unfair, oder? Naja, im Sport oder bei Musikinstrumenten gibt es auch Naturtalente, und manche Menschen sind von Natur aus extrem empathisch, oder sie können toll zeichnen, oder sie schreiben spannende Geschichten,….
Wenn jemandem etwas mühelos gelingt, wofür andere sich sehr anstrengen müssen, zeigt das einfach nur, wie unterschiedlich wir sind. Erst wenn das Leistungsniveau nicht mehr mühelos gehalten werden kann, wie es zahlreiche Menschen beim Übergang von der Schule zur Uni erleben, dann spielt auf einmal unsere innere Einstellung eine Rolle. Sind wir bereit, zu arbeiten? Zeit zu investieren? Uns anzustrengen? Kritik anzunehmen? Fragen zu stellen? Zuzugeben, wenn wir etwas noch nicht können oder wissen?

Der erwähnte E-Mail-Austausch brachte den Begriff des „funktionalen Ehrgeizes“ auf. Was, wenn vielleicht eine gewisse Neigung zu Ehrgeiz, also Streben nach Erfolg, Veranlagung ist, wir aber auch lernen können, Ehrgeiz quasi ein- und auszuschalten? Wenn etwas wichtig genug ist, dann schalten wir quasi eine extra Portion Ehrgeiz dazu und aktivieren damit zusätzliche Energie und Motivation, um uns anzustrengen. Mir gefällt an dem Konzept, dass die negativen Konnotationen dabei keine so große Rolle spielen. Ich strenge mich umso mehr an, je wichtiger mir ist, wie es ausgeht. Klar liegt dahinter die Frage, warum mir das so wichtig ist. Geht es da um Wirkung, um Ruhm und Anerkennung, um einen neuen Job und daher vielleicht mehr Zufriedenheit, um Geld, um sozialen Aufstieg, ….?

Bei mir entsteht Ehrgeiz auch noch auf andere Weise, nämlich im Wettbewerb mit mir selbst. Besonders beim Sport beobachte ich das: Schaffe ich heute mehr Liegestütze als gestern? Ich fange ein neues krasses Trainingsprogramm an, muss nach der Hälfte aufgeben und sage mir sofort „Nächstes Mal schaffe ich es 5 Minuten länger!“ Es geht also nicht nur um Anerkennung von außen, sondern manchmal einfach darum, sich anzustrengen und besser zu werden. Da passt dann die Wendung „Mein Ehrgeiz wird geweckt.“

Nach diesem Ausflug komme ich zurück zum Duden. Es trifft mein Komikzentrum, dass da steht, dass der Plural von „Ehrgeiz“ selten gebraucht wird. Der Duden macht auch keinen Vorschlag für den Plural. Übrigens kommt das „geiz“ in Ehrgeiz von „Gier“, so dass also zu Recht eine „Gier nach Anerkennung“ mitschwingt. Irgendwo habe ich auch gelesen „starker Wunsch, sich vor anderen auszuzeichnen, Streben nach Ehren“, und meistens wird es als Charakterzug oder Veranlagung beschrieben. Damit kommen wir zu häufigen Assoziationen zum Wort „Ehrgeiz“, wieder laut Duden und teilweise von mir ergänzt, so wie es oft sprachlich verwendet wird. Selbstbewusstsein, Intelligenz. Ehrgeiz anstacheln, übertriebenes Streben, unbändiger Ehrgeiz, krankhafter Ehrgeiz, Talent, sportlicher Ehrgeiz, man wird von Ehrgeiz gepackt, persönlicher oder beruflicher Ehrgeiz, man lässt sich vom Ehrgeiz treiben, Fleiß, Disziplin, der Ehrgeiz wird geweckt, falscher Ehrgeiz. (Spannend, was ist das?) Ehrgeiz kann brennen, zerfressen, kann befriedigt werden. Stolz, Eitelkeit, Ausdauer.

Mein Gedanke zum Schluss ist, dass Ehrgeiz etwas mit Vergleichen zu tun hat. Selbst wenn nur mein persönlicher sportlicher Ehrgeiz auf die Bühne kommt, so meldet er sich, weil ich meine Leistung verbessern möchte und etwas messe oder zähle, um zu gucken, ob ich heute besser bin als gestern.
Beim Vergleich mit anderen geht es auch um Messen oder Zählen. Wenn egal ist, wer gewinnt, wieso zählen wir dann die Punkte? Der Frage, ob ich eigentlich selbst besonders ehrgeizig bin, bin ich nicht viel näher gekommen. Stattdessen haben sich neue Fragen ergeben:
Gibt es Ehrgeiz unabhängig vom Messen und Bewerten? Und wie verändert das Messen und Bewerten, was wir als Erfolg sehen, als Leistung, und wie beeinflusst das wiederum das Streben nach Erfolg und Anerkennung?

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