Anders

Stoff zum Diskutieren gibt es gerade genug. Themen für klare Ansagen und Meinungen. Dabei nehme ich deutliche Qualitätsunterschiede in den Gesprächen wahr: Wird nur geredet oder auch zugehört? Wird nur auf die nächste Sprechpause gewartet, das nächste Luftholen, um dann wieder die eigene Meinung rauszuposaunen? Wer kommt zu Wort? Was wird in den Raum gestellt, Fragen oder Behauptungen? Wie wird reagiert, wenn jemand sagt „Das sehe ich anders.“?

Das „anders sehen“ kann sich vielfältig äußern. Einer Behauptung nicht zuzustimmen, kann heißen, schon die (unausgesprochenen?) zugrundeliegenden Voraussetzungen abzulehnen, oder aber die Logik des Arguments nicht nachvollziehen zu können/wollen, so es die überhaupt gibt. Es kann auch heißen, dass man zwar die individuelle Haltung nachvollziehen kann, dass man aber denkt, dass es für die Gesellschaft insgesamt nicht gut ist, wenn alle so denken bzw. handeln.

Die Qualität des Gesprächs bestimmt dann, was geschieht: Wird aus dem „Das sehe ich anders.“ eine Frage? Zum Beispiel „Was würde passieren, wenn sich alle so verhalten würden?“ oder „Warum glaubst Du, dass Menschen so denken?“ oder „Woher kommt die Information, auf die Du Dich gerade bezogen hast, wo kann ich das nachlesen?“ oder „Welche Erfahrungen haben Dich zu dieser Überzeugung gebracht?“.

Umgekehrt wird auch ein Schuh draus, schließlich ist auch das „Das sehe ich anders.“ eine Einladung zum Fragen. „Was genau siehst Du anders?“ oder „Warum siehst Du das anders?“.

So ziemlich alles ist besser als das „Weiter so, Hauptsache, ich kann meine Meinung weiter rauströten“. Dann kann man das Gespräch auch gleich sein lassen, denn für mich ist ein Gespräch mehr als eine Aneinanderreihung von Monologen. Besonders schlimm finde ich aber das „Du musst doch einsehen, dass…“ oder „Aber es ist doch klar, dass…“ mit dem Ziel, dass man seine Meinung ändert und zustimmt. Warum ist es eigentlich so schwer auszuhalten, dass auch verschiedene Haltungen nebeneinander stehen können? Wenn mich Dein Argument überzeugt, wenn es wirklich ein Argument ist, dass sich inhaltlich mit meiner Haltung auseinandersetzt und nicht nur ein „Aber das ist doch so und so“, dann ist das super. Dann hab ich was gelernt. Wenn nicht, dann bleibe ich halt erst mal bei dem, was ich mir vorher überlegt habe. Und Du darfst auch gern bei Deiner Haltung bleiben. (Je nachdem, was das ist, sind wir dann vielleicht gesellschaftlich nicht kompatibel, aber damit kann ich leben.) Ich kann es aushalten, dass Leute Fleisch essen oder rauchen oder für Studiengebühren sind. Die sollen halt mich und mein Essen in Ruhe lassen, mich nicht vollstinken und akzeptieren, dass ich gegen Studiengebühren bin. Wo ist das Problem? Es geht doch nicht darum, dass alle immer einer Meinung sind, oder? Häufig hat eben nicht eine Seite Recht, sondern es gibt gute Argumente auf mehreren Seiten. Das ist keine Rechtfertigung dafür, Regeln zu brechen, aber man kann sagen, dass man die Regeln doof findet, und sich dann inhaltlich damit auseinandersetzen. Falls Du das Rauchverbot in Restaurants doof findet, dann los, sag das, wir können darüber auch gern reden, aber das gibt Dir trotzdem nicht das Recht, mich und mein Essen vollzustinken.

Ich denke oft „Das sehe ich anders.“ und es hängt sehr vom Thema und Kontext ab, ob ich das dann auch sage und mich ins Getümmel stürze. Denn häufig kommt da kein erhellendes Gespräch bei raus. Dabei finde ich es völlig ok, anderer Meinung zu sein. Das ist spannend, es ist erlaubt, man darf das sagen, sich streiten, und dann kann man vielleicht auch aushalten, dass die verschiedenen Meinungen nebeneinander stehen. Im besten Fall festigt sich die eigene Haltung noch, weil man seine Argumente schärfen konnte, oder man lernt was dazu und hat danach einen klareren Standpunkt. Da kann man nicht verlieren, oder?

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