Aufmerksamkeit

Als ich nach vielen brillenlosen Jahren wieder eine Brille tragen musste, ist mir aufgefallen, wie viele andere Leute eine Brille tragen und ich habe darauf geachtet, was es für verschiedene Modelle gibt und wem was besonders gut steht. Jedes Mal, wenn ich mit einem Kinderwagen unterwegs bin, fällt mir auf, wo bei der Stadt- und Gebäudeplanung Kinderwagen mitgedacht wurden und wo nicht. Wenn man mit jemandem im Rollstuhl unterwegs ist oder selbst für ein paar Wochen auf Krücken läuft, dann wird auf einmal klar, wo überall kleine Hürden sind, Stolperfallen, wo man Umwege laufen muss. Und viele Frauen haben mir schon erzählt, wie sie auf einmal überall schwangere Frauen und Eltern mit Babys gesehen haben, als bei ihnen Nachwuchs unterwegs war.

Was passiert da? Anscheinend sieht die Welt nicht nur sowieso schon für uns alle unterschiedlich aus, sondern sie sieht sogar für die gleiche Person nicht jeden Tag gleich aus. Die gleiche Person läuft an zwei verschiedenen Tagen durch den gleichen Stadtteil und nimmt unterschiedliche Dinge wahr, und zwar deshalb, weil im Inneren auf einmal ein Thema in den Vordergrund gerückt ist. Ich vermisse meinen Mann und sehe überall verliebte Pärchen. Ich trage eine neue Brille und sehe auf einmal Menschen mit einem ähnlichen Brillenmodell. Die Pärchen und die Leute mit den Brillen sind sonst auch da, fallen mir aber dann nicht so auf.

Mit kleinen, ganz einfachen Übungen habe ich an mir selbst beobachtet, wie ich diesen Effekt nutzen kann, um gezielt meine Aufmerksamkeit zu trainieren. Zwei Beispiele möchte ich hier beschreiben.

  1. Die Dankbarkeitsübung. Zu Beginn des Tages achte ich schon auf Dinge,
    über die ich mich freuen und für die ich dankbar sein kann, und mehrmals am Tag schreibe ich mir auf, wofür ich dankbar bin. Jedes Mal zwei, drei kleine Dinge. Oder große. Da ich weiß, dass ich das mindestens ein, zwei Mal am Tag mache, achte ich mehr darauf, worüber ich mich freuen und wofür ich dankbar sein kann. Und sobald ich anfange, etwas aufzuschreiben, fallen mir sofort noch ein paar mehr Sachen ein. Vor allem dann, wenn gerade viel Nervkram los ist und ich mich oft ärgere, wirkt diese Übung Wunder. Es ist nie alles doof, ich finde immer etwas zum Freuen.
  2. Die Freundlichkeitsübung. Ich nutze Gelegenheiten, um freundlich zu sein oder zu helfen. Vieles davon ist selbstverständlich, eigentlich, aber bei Stress oder an schlechten Tagen bin ich manchmal zu sehr mit mir selbst beschäftigt, um darauf zu achten. Dabei sind gerade das die Tage, an denen ich mich besser fühle, wenn ich einer anderen Person etwas Gutes tun kann. Und es ist so einfach: Die Tür aufhalten oder Leuten Hilfe anbieten, wenn sie schwer tragen oder Probleme beim Einsteigen in die oder Aussteigen aus der Tram haben. An der Kasse lächeln und einen schönen Tag wünschen. Menschen in der Schlange den Vortritt lassen, wenn sie es eilig haben. Bitte und danke sagen. Wieder verändert sich der Blick in die Welt und zu den anderen Menschen: Wo wird Hilfe oder Aufmerksamkeit gebraucht? Wer würde sich über ein Lächeln oder ein freundliches Wort freuen?

Jetzt sind Sie dran: Wo haben Sie schon bemerkt, dass sich Ihre Wahrnehmung verschoben hat? Wie könnten Sie diesen Effekt nutzen und Ihre Aufmerksamkeit trainieren, vielleicht kleine Übungen etablieren, um ausgeglichener, freundlicher oder entspannter zu sein? Oder zufriedener?

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