Lernen in vier Stufen

Was lernen Sie so?
Für das Studium oder den Beruf?
Oder für ein Hobby?
Vielleicht auch einfach so, ohne konkretes Ziel, einfach nur, weil Sie gern Neues lernen?
Eine neue (Programmier-)Sprache?
Kochen?
Malen, Tapezieren, Holzfiguren schnitzen?

Wenn wir strukturiert lernen, steht im Hintergrund oft ein didaktisches Konzept. Zum Beispiel lernen wir bei einer Sprache Vokabeln, üben die richtige Aussprache und üben dann, sie in verschiedenen Zusammenhängen zu benutzen. Interessant wird es, wenn wir eigenständig lernen und wenn nicht so klar ist, wie das „Üben“ aussieht. Und was wird eigentlich noch gebraucht, außer dem reinen Lernen und dem Üben? Eine Wissensüberprüfung? Kritische Reflektion, ob wir an der Lernform noch etwas verbessern können? Die grundsätzliche Frage, ob das, was wir da lernen, wirklich sinnvoll ist? Vielleicht lernen wir auch ohne konkretes Ziel, und es ist wichtig, sich immer wieder daran zu erinnern und gleich gegenzusteuern, wenn sich ein Gefühl von Leistungsdruck bemerkbar macht.

Ich bin kürzlich zum ersten Mal einem Lernkonzept begegnet, das explizit vier Stufen benennt. Ryan Hawk schlägt vor, dass wir nicht nur Wissen aufnehmen (Stufe 1) und damit experimentieren (Stufe 2, „üben“), sondern dass wir uns auch ganz bewusst immer wieder Zeit zum Nachdenken nehmen (Stufe 3) und das Gelernte weitergeben (Stufe 4), um uns noch einmal neu damit auseinanderzusetzen. Dabei kann ich mir Stufe 4 auch als Variation von Stufe 2 vorstellen, dass man nämlich gemeinsam übt und sich dabei mit anderen über das Gelernte austauscht. Das funktioniert auch dann, wenn nicht alle auf dem gleichen Wissensstand sind! Interessanterweise passiert es nämlich oft, dass Anfänger:innen schnell Fortschritte machen und es gar nicht erwarten können, zu Fortgeschrittenen zu werden, dabei aber die Reflektion über das Gelernte vergessen. Kontakte mit anderen, die noch auf Anfänger:innen- oder Mittelstufeniveau sind, helfen bei dieser Reflektion. Der gleiche Effekt macht sich bemerkbar, wenn es in Richtung Meisterschaft geht – eine Fremdsprache fließend sprechen und schreiben, ein Musikinstrument auf sehr hohem Niveau spielen oder eine Sportart sehr gut beherrschen. Diejenigen, die bereits meisterliche Fähigkeiten haben, sind oft die, die ganz bewusst zu den Anfängen zurückkehren und mit Hingabe die absoluten Grundbausteine immer und immer wieder üben und vertiefen.

Diesen Effekt habe ich nun schon mehrmals bei anderen beobachten dürfen und bin davon fasziniert! Es ist so etwas wie Demut vor dem Handwerk, vor dem Prozess, in dem Wissen, dass es immer noch etwas zu lernen gibt und dass wir auch beim gleichen Lerngegenstand immer wieder die gleichen Stufen durchlaufen. Mindestens die Stufen 1 bis 3. Ich selbst erlebe Variationen der Stufe 4 stets als sehr bereichernd! Speziell in Grundlagenvorlesungen fallen mir immer wieder neue Wege ein, die gleichen Konzepte zu vermitteln, und dabei sind es häufig Fragen oder Beispiele von Studis, die mich auf diese neuen Ideen bringen. Sie sind es auch, die mir durch ihre Fragen oder durch kleine Denkfehler aufzeigen, wo meine Erklärungen noch nicht gut genug sind. Oft sind es subtile Details – scheinbar klar, aber durch eine Nachfrage oder eine falsche Antwort wird plötzlich sichtbar, dass es unter dem „scheinbar klar“ noch eine Ebene gibt, auf der etwas erklärt oder begründet werden muss und eben doch nicht so offensichtlich ist, wie es auf den ersten Blick aussieht. Daher verwende ich auch grundsätzlich in den Grundlagenvorlesungen keine Formulierungen wie „Das ist offensichtlich.“ oder „Das sieht doch jeder.“. Manchmal, und nur dann, wenn alle Studis einverstanden sind, schreiben wir so etwas wie „Das folgt sofort aus der Definition“. Oder so. Und wenn dann auch nur eine kleine Nachfrage kommt, schreibe ich sofort doch noch eine Begründung hin (und habe wieder etwas gelernt).

Stufe 3 finde ich deshalb so spannend, weil es sinnvoll ist, die Art der Wissensaufnahme und die Art des Übens zu hinterfragen. Bezogen auf eine Mathe-Vorlesung: Schreibe ich mit, und wenn ja, wie viel? Denke ich mit und antworte auf Fragen? Möchte ich lieber länger nachdenken und nicht spontan antworten? Habe ich selbst Fragen und wenn ja, stelle ich die sofort oder denke ich erst darüber nach? Was bedeutet es, wenn ich selbst keine Fragen habe? Arbeite ich gern allein an Übungsaufgaben oder in einer Gruppe? Wie prüfe ich nach, ob ich etwas wirklich gut verstanden habe und es auch allein anwenden kann? Kann ich besser mündlich erklären oder besser durch Aufschreiben? Was für Rückfragen verunsichern mich?

Wie immer sind meine Studis eine Quelle unzähliger Aha-Erlebnisse – etwa die Art und Weise, wie sie sich auf Prüfungen vorbereiten. Die Corona-Pandemie hat viele Studis mit sich selbst und ihren Lerngewohnheiten konfrontiert, und da haben einige grundsätzlich in Frage gestellt, wie sie bisher gelernt haben und sich auf Prüfungen vorbereitet haben. Solche Krisen sind nicht notwendig: Wir können uns angewöhnen, regelmäßig Stufe 3 im Lernprozess zu berücksichtigen und immer wieder mal zu hinterfragen, was und wie wir lernen und wie wir üben.

Was beobachten Sie bei sich, wenn Sie etwas Neues lernen?
Kommen die vier Stufen vor?
Falls nicht, welche fehlen?
Warum ist das so?
Oder sind sie unterschiedlich stark ausgeprägt?
Finden manche vielleicht unbewusst statt?
Fällt es Ihnen leicht, etwas Neues zu lernen und wieder die Geduld aufzubringen, die man am Anfang braucht?
Trauen Sie sich, mit dem Gelernten zu experimentieren?
Was üben Sie und wie?
Woran merken Sie, welchen Effekt das neu Gelernte auf Sie und Ihr Leben hat?
Und wie entscheiden Sie, was Sie als Nächstes lernen möchten?

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