Quantität oder Qualität?

Wann lohnt es sich, sehr viel Arbeit in ein einziges „Werk“ zu investieren? Eine abzugebende Übungsserie, ein Vorlesungsskript, einen Vortrag? Wann reicht „ganz gut“ und es geht eher darum, konsistent ziemlich viel davon zu produzieren?

Wenn ich eine besonders originelle, schöne Übungsaufgabe basteln möchte, dann sollte ich doch eine Idee nehmen und die möglichst perfekt ausfeilen, oder? Oder vielleicht nicht? Was passiert, wenn ich einen Monat lang jeden Tag eine Übungsaufgabe entwerfe und einfach gucke, ob am Ende eine ganz tolle dabei ist?

Die Alternativen sind also:
Qualität, Perfektion, Konzentration bei genau einem Versuch, der möglichst gut gelingen soll … oder Masse statt Klasse, weil es in der Masse mehr Ausreißer gibt, und zwar nach oben und nach unten.

David Bayles und Ted Orland beschreiben in ihrem Buch „Kunst und Angst“ ein Experiment, in dem es um Kreativität geht und genau um diese Frage: Kommt etwas Besonderes heraus, wenn wir uns bei wenigen Versuchen auf Perfektion konzentrieren, oder doch eher, wenn wir einfach nur ganz viel produzieren? Gerade dann, wenn es um Kreativität und Originalität geht, kann der Druck, abzuliefern, dazu führen, dass man sich selbst ausbremst und in eine Idee verbeisst, statt weiter neue Dinge auszuprobieren. Wenn die Idee, an der man da festhält, nicht besonders gut ist, ist auch eine ausgefeilte Umsetzung davon nur so lala. Die perfektionistische Stimme im Kopf treibt nicht nur an, sondern setzt auch Grenzen nach dem Motto „Geh lieber auf Nummer sicher, wenn es ganz besonders toll sein soll.“

Beim Ansatz „Masse statt Klasse“ wirkt es so, als könne da nur Mittelmäßiges herauskommen. Aber ich glaube nicht, dass das stimmt. Wenn ich jeden Tag ein Lemma beweise, dann sind da ein paar ganz solide dabei, einige langweilige und eben auch ein, zwei richtig schöne. Wenn ich jeden Tag eine Übungsaufgabe für Lineare Algebra schreibe, dann sind die ersten paar Aufgaben langweilig, die nächsten vielleicht originell, aber zu einafch, dann die nächsten zu schwierig, und wenn ich lange genug weitermache, sind irgendwann zwischen den vielen langweiligen Aufgaben auch ein paar richtig tolle, originelle Aufgaben dabei. Einfach deshalb, weil durch die Regelmäßigkeit der Anspruch weg ist, jedes Mal eine tolle Aufgabe erstellen zu müssen und ich dann auch mal mit Quatsch herumspielen kann. Gerade die Befreiung von der Erwartung, eine ganz tolle Übungsaufgabe schreiben zu müssen, führt mittelfristig zu besseren Aufgaben. Man könnte es auch so ausdrücken:
Beim Versuch, es richtig gut zu machen, kommt manchmal nur Mittelmaß heraus.
Beim Versuch, ganz viel Mittelmaß zu produzieren, gibt es ein paar Ausreißer nach unten und nach oben, und die Ausreißer nach oben sind wahrscheinlich besser als der eine angestrengte Versuch.

Jeden Tag eine Übungsaufgabe, jeden Tag ein neues Beispiel oder jeden Tag ein Lemma – das ist ein Ansatz, der manchmal ganz praktisch ist und funktioniert, wenn man gute Ideen braucht. Genau so könnte ich jeden Tag ohne „Zensur“ Ideen für Blogbeiträge aufschreiben, oder Ideen für neue Forschungsprojekte, und da wären ab und zu mal richtig gute Ideen dabei. Aber manchmal geht es darum, zu einem bestimmten Zeitpunkt so richtig gut abzuliefern. Wenn ich auf einer Konferenz einen Vortrag halte, dann übe ich nicht vorher zwei Wochen lang jeden Tag, irgendwie einen Vortrag zu halten, um dann den zu nehmen, der zufällig besonders gut war. Das klappt nicht so richtig.

Die interessante Frage ist also, wie wir auswählen, wann welche Methode gut passt. Wann geht es um Originalität, und daher brauchen wir die Masse, das Spielerische, und damit auch die Ausreißer nach oben? Wann steht es uns im Weg, wenn wir nur wenig ausprobieren und Perfektion erwarten? Und wann geht es um verlässlich hohe Qualität, die zu einem bestimmten Zeitpunkt einfach kommen muss? Wie können wir sicherstellen, dass die dann auch konsistent kommt?

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