Beobachtung vs. Beurteilung

Beginnen wir mit einem Gedankenexperiment.
Es läuft gerade ein Termin, und jemand kommt zu spät.
Z.B. hat gerade die Vorlesung angefangen, oder die Teambesprechung, oder
die virtuelle Übung.
Wie reagieren Sie?
Was geht Ihnen durch den Kopf?
Ärgern Sie sich? Sind Sie genervt?
Ich bin sehr pünktlich, und je nach Kontext nervt mich das schon manchmal. Kommt auch drauf an, wie sich die verspätete Person verhält und wie sehr das dann die anderen stört.
Spielt es eine Rolle, warum die Person zu spät kommt?
Reagieren Sie unterschiedlich, je nachdem, ob das zum Beispel oft vorkommt (jemand verschläft regelmäßig) oder ob es untypisch ist, mit konkreter Ursache, und die Person sich sofort entschuldigt („Es gab einen Unfall und die Straßenbahn fuhr nicht.“).

Wenn ich mich sehr genau beobachte, dann bemerke ich den Moment, wo die Wahrnehmung des Verhaltens einer anderen Person übergeht in eine Beurteilung. Mutmaßungen darüber, warum die Person das tut. Fast komplett unbewusst, und es geht sehr schnell, ich bemerke es bestimmt nicht immer. Aber wenn, dann ist es sehr aufschlussreich.

Jemand macht im Schwimmbad irgendwo am Beckenrand Dehnübungen. Mitten im Weg. Jedenfalls aus meiner Perspektive. Bevor ich es überhaupt bewusst wahrnehme, entsteht ein leichter Ärger, nach dem Motto „Hier sind Sie voll im Weg, und da drüben ist ganz viel Platz. Warum machen Sie das nicht da?“ Ich weiche aus, mache Platz, die anderen auch, niemand beschwert sich. Und spätestens bei der nächsten Bahn oder Runde denke ich „Naja, vielleicht denkt die Person, dass da ein guter Platz ist, weil wir anderen da gut ausweichen können.“ Und dann denke ich „Vielleicht hat die Person auch einfach gar nicht nachgedacht.“ Das ist in vielen Situationen so. Ein Auto steht maximal dämlich, halb auf dem Fahrrad- und halb auf dem Fußweg. Jemand rempelt mich in der Straßenbahn an. Jemand blockiert mit seinem Einkaufswagen einen kompletten Gang. Jemand steht am Bahnhof im Weg, gleich oben an der Treppe. Meistens denken die Leute einfach gar nicht nach.

Wenn es gut läuft und ich meine Gedanken rechtzeitig wahrnehme, dann höre ich auf, mich zu ärgern, und unterstelle einfach mal, dass die Person sich nichts oder jedenfalls nichts Böses bei ihrem Verhalten denkt. Ich vermute, dass diese Unterstellung sogar recht realistisch ist und dass Leute sich oft nervig oder unhöflich oder sonst irgendwie ungeschickt verhalten
und es gar nicht merken. Sich dann zu ärgern und ihnen zu unterstellen,
dass sie das mit Absicht machen, ist sinnlos.

Es gibt eine Methode, die das ganz gut auf den Punkt bringt: „Assume positive intent“, kurz API. Wenn mich etwas oder jemand nervt, dann denke ich oft „API“ und möchte mir selbst damit einfach nur den Denkanstoß geben, dass das Verhalten der anderen Person wahrscheinlich nichts mit mir zu tun hat, mich jedenfalls nicht absichtlich ärgern soll und im besten Fall sogar gut gemeint war. Dass „gut gemeint“ leider oft ziemlich daneben geht, ist schade, aber ändert nichts daran, dass es sinnlos ist, sich dann zu ärgern.

Wichtig ist, den Moment abzupassen, wo die Beobachtung (die Person macht oder sagt etwas) übergeht in eine Beurteilung (das ist nervig, ärgert mich, wie doof kann man sein). Daher übe ich, in solchen Momenten meine Gedanken zu beobachten und zu gucken, ob ich mit API einspringen kann.
Oder zumindest mit ANI, also „assume no intent“. Denn oft denken Leute sich einfach gar nichts und machen bzw. reden einfach drauf los.

Warnhinweis: Das kann ins Gegenteil umschlagen! Ich habe manchmal wirklich nervige Gespräche, wo aus einem „Wir müssen uns nicht ärgern, die Person hat für ihr Verhalten vielleicht gute Gründe, die wir nur nicht kennen“ plötzlich ein Riesenzirkus wird aus Mutmaßungen, was da vielleicht alles dahinterstecken könnte.
Ganz ehrlich:
Das ist doch meistens total egal!
Wenn mein Ziel ist, mich nicht zu ärgern oder einfach nur mehr Verständnis für das Verhalten einer Person zu haben (z.B. Zuspätkommen) dann reicht ein „Wahrscheinlich gibt es Gründe, die nichts mit mir zu tun haben.“ aus, und weitere Mutmaßungen helfen überhaupt nicht weiter.

Wie ist das bei Ihnen?
Beurteilen Sie schnell, was andere machen?
Sind Sie schnell verärgert?
Läuft ein innerer Film ab nach dem Motto
„Was soll das, wie nervig, wie blöd kann man sein, …“?
Was würde sich ändern, wenn Sie etwas länger im Moment der reinen Beobachtung bleiben könnten?
Funktioniert API oder ANI?
Besteht die Gefahr, dass dann umgekehrt ein Riesenfilm anfängt zu laufen, mit 1000 Möglichkeiten, was bei der anderen Person alles los sein könnte?

Manchmal denke ich, dass weniger denken auch schon helfen würde, aber das ist erstaunlich schwierig.

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