Blick in den Rückspiegel

Das Sommersemester 2021 war ein Forschungsfreisemester. Pandemiebedingt lief das anders als erwartet – eigentlich wollte ich nach Schottland reisen, für mindestens 4-6 Wochen, um dort mit mehreren Kooperationspartner*innen aus der Mathematik und Informatik zusammenzuarbeiten. Die Zeit wäre anders verlaufen, vielleicht produktiver, wenn ich wirklich weg gewesen wäre und man bei E-Mails die automatische Antwort bekommen hätte „Bin weg, Forschungsaufenthalt, ich lese erst in vier Wochen wieder E-Mails.“ Auch ohne Reisen hätte ich mich stärker abschotten können, hätte mehr darauf bestehen können, dass man mich in Ruhe lässt, damit ich das tun kann, wofür ein Forschungsfreisemester da ist: forschen. Für das nächste Mal werde ich da also noch dazulernen, aber auch für dieses Mal fällt die Bilanz am Ende positiv aus!

Das wurde mir aber erst klar, als ich einen Bericht geschrieben habe, für das Rektorat. Diese Berichte kosten zwar Zeit, sind aber eine richtig gute Idee, denn ich habe wieder mal gemerkt, wie wenig man im Alltag mitschneidet, was man eigentlich alles macht. Wir schreiben Anträge, Artikel, bereiten Lehrmaterial vor, betreuen Qualifikationsarbeiten, kommunizieren nebenbei über dies und das mit Kolleg*innen, organisieren Konferenzen, bereiten Vorträge vor und halten sie, machen vielleicht noch was für die Öffentlichkeitsarbeit,….

Diesen Bericht zu schreiben, war wirklich heilsam. Wie ein Blick in den Rückspiegel, bei dem man plötzlich sieht, wie viel Strecke man zurückgelegt hat. Da standen auf einmal mehrere Publikationen, Fortschritte in mehreren Projekten, neue Impulse, zahlreiche Aktivitäten, die irgendwie untergehen und an die man sich erst wieder erinnert, wenn man aus triftigen Gründen Unterlagen zusammenstellt und den eigenen Lebenslauf aktualisiert. Ab und zu macht man das halt – für einen Drittmittelantrag, um die Internetseite aktuell zu halten, oder weil man sich auf eine Stelle bewirbt. Und genau daher kenne ich diesen Effekt auch schon, den Effekt des Rückspiegels.

Aus der Verwaltung kommen Anfragen zu Konferenzen und ich sehe plötzlich, was ich alles allein im Jahr 2019 organisiert habe. Jemand fragt nach meiner Publikationsliste und ich sehe plötzlich, dass da schon wieder drei, vier Artikel dazugekommen sind. Die Liste der betreuten Arbeiten wird länger, die Vielfalt an Projekten größer, das Lehrangebot vielfältiger. Alles wunderbare Effekte, die mir aber nicht auffallen, während ich mittendrin bin und halt jeden Tag so vor mich hinwusle.

Ein Kollege hat mir erklärt, dass er jedes Jahr einmal so einen Effekt verspürt, wenn er ein „Jahresgespräch“ mit seinem Vorgesetzten hat. Manche Produktivitätsgurus schwören auch darauf, jede Woche, jeden Monat, jedes Quartal einmal innezuhalten und zu gucken, wo man steht.
Ich habe das bisher immer eher für die Planung des nächsten Abschnitts benutzt, oder um sicherzustellen, dass ich nichts vergessen habe.
Sind alle Deadlines vermerkt?
Was hat in der nächsten Woche Priorität?

Aber es war jetzt so schön, dieen Bericht zu schreiben und dort schwarz auf weiß zu sehen, dass es entgegen meinem Gefühl ein sehr produktives Sommersemester war, dass ich überlege, wie ich das reproduzieren kann.
Quasi als Routine, vielleicht ca. einmal im Vierteljahr. Ein kleiner interner Statusbericht, zusammen mit der Aktualisierung der Internetseite, Vortragsliste etc. Um mit Todd Henry zu sprechen:
Wie ist mein „Body of work“ in den letzten Monaten gewachsen?

Jetzt lade ich Sie ein, in den Rückspiegel zu schauen.
Was ist in den letzten Monaten passiert?
Was war besonders?
Sind Sie auf etwas stolz, empfinden Sie Freude, Dankbarkeit?
Hatten Sie am Ende einer Woche, die gefühlt nur aus einer Million E-Mails bestand, plötzlich trotzdem viel mehr geschafft als erwartet?
Gibt es natürliche Anlässe, so einen Rückblick in Ihrem Arbeitsalltag einzubauen? Wo wäre das?

Ich wünsche Ihnen eine ähnlich schöne Überraschung wie die, die ich erlebt habe. 🙂

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