Mikrokosmos

Das Becken in der Schwimmhalle. Der Fussballplatz. Die Mensa. Der Tanzsaal. Die Chorprobe. Unterwegs, im Zug oder in der Straßenbahn. Viele kleine Orte oder Umgebungen, in denen wir unser Verhalten und das der anderen beobachten können. Wann denken wir „Typisch!“? Was überrascht uns? Und was ist mit uns selbst, verhalten wir uns überall gleich?

Das Thema hängt mir nach, seit ich bei einem Gespräch dazu kam und zugehört habe, wo es um eine Arbeitskollegin ging, die normalerweise sehr freundlich und umgänglich ist und die sich in manchen Situationen plötzlich komplett anders verhält – dominant, rechthaberisch, ihre Kompetenzen überschreitend. Es ist schwierig, das im Kopf zusammenzubringen. In der Literatur oder in Filmen begegnen diese Personen uns auch – der sanfte, freundliche Familienvater, der in einer Behörde arbeitet und es dort genießt, im Rahmen seiner Kompetenzen anderen das Leben schwer zu machen. Als würde schon dieses winzig kleine bisschen Macht diese Person korrumpieren. Oder die Großmutter, die liebevoll mit ihren Enkelkindern spielt und sich im Rentenalter ehrenamtlich engagiert, die dann plötzlich nach rechts und links mit ihrer Handtasche um sich schlägt, wenn es darum geht, in die Tram einzusteigen.

Wenn ich mich selbst beobachte, dann gibt es da zwei Ebenen: Bei Personen, die ich nicht kenne, finde ich das Verhalten manchmal überraschend und kann die Überraschung dann nur darauf zurückführen, dass ich aufgrund des Aussehens, des Alters oder so gewisse Erwartungen an das Verhalten hatte. Da werde ich vielleicht sogar mit eigenen Vorurteilen konfrontiert und kann etwas lernen. Anders verhält es sich mit Menschen, die ich kenne und die sich in einem Mikrokosmos so verhalten und in einem anderen ganz anders. Das muss ja auch nicht schlecht sein – Aggressionen und Stress beim Sport rauszulassen und dann z.B. ordentlich zu fluchen, wo man sonst keiner Fliege etwas zuleide tun könnte – kein Problem. Ich denke noch darüber nach, wo mich krasse Verhaltensunterschiede irritieren und warum das so ist. Vielleicht geht es darum, ob alles noch irgendwie stimmig zusammenpasst und einfach nur unterschiedliche Aspekte der gleichen Persönlichkeit sichtbar macht oder ob ich den Eindruck habe, dass da etwas unterdrückt wird und sich auf (auto-)aggressive Art Bahn bricht.

Kommt Ihnen das bekannt vor? Inwiefern verhalten Sie sich unterschiedlich, je nachdem, in welchem Mikrokosmos Sie unterwegs sind? Wie ändern sich Ihre (Körper-)Sprache, Ihre Umgangsformen, wie viel oder wie wenig Sie sprechen? Ist das insgesamt noch konsistent? Haben Sie den Eindruck, unterschiedliche Rollen zu spielen? Gibt es Kontexte, in denen Sie das Gefühl haben, gar nicht authentisch auftreten zu können?

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