Schicksalsgemeinschaft

Ich hatte Ideen für einen anderen Text und hatte den Anfang auch schon geschrieben. Der kommt dann demnächst. Aber nun, aus aktuellem Anlass:

Wann ist bei Ihnen in letzter Zeit etwas so richtig schiefgelaufen, und dann standen Sie da, mit ein paar Leuten, und alle hatten das gleiche Problem? Vielleicht wurden Sie von einem Schauer überascht, sind richtig nass geworden und haben sich trotzdem mit ein paar anderen Menschen zusammen irgendwo untergestellt. Vielleicht haben Sie nachts eine Straßenbahn knapp verpasst (und waren damit nicht allein), oder Sie sind Bahn gefahren. Ich fahre viel Bahn, und eigentlich auch gern, aber sogar bei mir heißt es in letzter Zeit nur noch „Und ich dachte, ich hätte schon alles gesehen!“

Wenn unterwegs genug schiefgeht, dann ist irgendwann der gesamte Puffer aufgebraucht und man sitzt plötzlich im letzten Zug. Es ist schon kurz vor Mitternacht, irgendwo gibt es noch Schienenersatzverkehr, und auch da wartet man dann auf den letzten Bus. Wenn der dann nicht kommt, steht man da plätzlich in einer Schicksalsgemeinschaft. So ging es mir kürzlich, es war wirklich mitten in der Nacht, und der letzte Bus vom Schienenersatzverkehr ist einfach losgefahren, leer, und hat nicht auf den leicht verspäteten Regionalzug gewartet. Wir standen also alle etwas fassungslos an der Bushaltestelle, ca. 15 Leute, und was dann passierte, war wirklich toll: Nur ein, zwei Leute haben ein bisschen rumgemeckert, alle anderen haben Witze gemacht. Wir konnten nicht glauben, dass da die Kommunikation so versagt hatte („Das ist der letzte Bus, natürlich wartet der auf Sie!“) und dass wir da jetzt stehen, gestrandet. Dann kam noch ein SEV-Bus, viele Menschen stiegen aus und wir haben uns schon alle gefreut, aber nein: Der Busfahrer hatte Feierabend und fuhr kommentarlos wieder ab. Wieder gab es wenig Geschimpfe, die meisten von uns mussten einfach nur lachen wegen der Absurdität der Situation. Bei einigen (mich eingeschlossen) kam noch Müdigkeit dazu, dann ist sowieso alles witzig und ich füge mich einfach in mein Schicksal.

Von meinem Mann habe ich gelernt, dass es oft sinnlos ist, sich zu ärgern oder aufzuregen: Stattdessen ruhig bleiben, nach Lösungen gucken, und lachen. Er hat in unnachahmlicher Weise immer wieder gelacht, egal, was schiefging, und diese kleine Schicksalsgemeinschaft an der Bushaltestelle hat mir wieder mal gezeigt, was daran so hilfreich ist. Humor hilft, es auszuhalten. Gerade dann, wenn wir gerade machtlos sind und zum Beispiel einfach nur abwarten können. Der Humor verbindet, wir fühlen uns weniger allein, und wir sind dann auch eher hilfsbereit.

Wann waren Sie das letzte Mal in so einer Schicksalsgemeinschaft? Wie war die Stimmung? Motzig? Aggressiv? Oder auch humorvoll angesichts des Absurden?

PS: Wir sind dann doch noch alle gut nach Hause gekommen. Seeeeehr spät.

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