Geschichten

Heute in der Schwimmhalle war es wieder interessant, das würde sich für einen Text eignen. Aber stattdessen geht es um Geschichten. Dabei meine ich die, die wir uns selbst erzählen, um unser Verhalten zu erklären.

Wenn ich es zum Beispiel schwierig finde, Nein zu sagen, also z. B. Einladungen abzulehnen, Leuten eine Gefallen nicht zu tun oder ein Familienmitglied nicht öfter zu besuchen, dann kann ich das gut damit begründen, dass ich eben hilfsbereit bin, großzügig, dass ich Menschen ungern enttäusche. Vielleicht stimmt das sogar, zumindest teilweise. Wenn ich aber Aufgaben übernehme, obwohl ich keine Lust habe (und mich dann beschwere oder es nicht gut mache), wem nützt dann meine Hilfsbereitschaft? Wenn ich Verwandtschaft besuche, die ich gar nicht so oft sehen möchte, und wenn ich das anstrengend finde und nervig, für wen ist das eigentlich gut? Wenn ich Einladungen annehme, dann aber dort gar nicht präsent bin oder mit schlechter Laune da herumsitze oder -stehe, wofür ist das gut?

Und hier sind die Geschichten, die dann oft kommen:
Ich muss dahin, denn es wäre unhöflich, die Einladung abzulehnen.
Ich muss die Aufgabe übernehmen, weil es sonst niemand macht.
Ich muss die Verwandtschaft besuchen, weil die Leute sonst enttäuscht sind.

Ist es nicht auch unhöflich, eine Einladung widerwillig anzunehmen? Ich könnte auch absagen und den Platz für eine Person frei machen, die sich freut. Ist es nicht unfreundlich, eine Aufgabe zu übernehmen und sie dann schlecht zu erledigen? Oder rumzumeckern? Dann wird es halt nicht gemacht. Wann ist das wirklich schlimm? Oder vielleicht würde sich ja doch jemand finden? Ist es nicht auch unhöflich, Leute zu besuchen und so zu tun, als würde man sich freuen, wenn man gar keine Lust darauf hat?

Ich sehe hier nie ein „müssen“, sondern immer ein „Ich entscheide mich, das zu tun, weil die Alternative noch unangenehmer für mich ist.“ Und die Geschichte überdeckt häufig, dass es in Wirklicheit um unser eigenes Unbehagen geht. Ja, da sind vielleicht Leute enttäuscht oder genervt, wenn ich eine Aufgabe nicht übernehme. Das ist dann so. Die müssen das aushalten, und ich muss aushalten, dass ich mich damit vielleicht nicht gut fühle. Wenn ich Teile der Verwandtschaft seltener besuche, weil das aufwändig und anstrengend ist und ich es ok finde, die Leute nur alle paar Jahre zu sehen, dann sind die vielleicht entäuscht (Vielleicht sind sie auch sehr verständnisvoll?) und deren Enttäuschung ist deren Problem, nicht meins. Ich muss aushalten, dass die sich vielleicht so fühlen und mir das auch sagen. Das ist dann mein Problem. Aber wenn ich das unangenehmer finde, als öfter hinzufahren, mich darüber zu beschweren und die Geschichte zu erzählen, das ich ja „muss“, dann erzähle ich eben diese Geschichte.

Wo erzählen Sie sich Geschichten?
Wo wäre eine andere, ehrlichere Entscheidung möglich,
und was müssten Sie dann (aus-)halten?

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