Streit

„Streitende sollten wissen, dass nie einer ganz recht hat und der andere ganz unrecht.“

So oder so ähnlich habe ich das an einer Fensterscheibe gelesen, meines Wissens nach stammt das Zitat von Kurt Tucholsky. Es geht mir nicht aus dem Kopf, weil wir so viel daraus lernen können. Momentan sehe ich viel vermeintliche Diskussion und viel Meinung, aber wenig guten Streit. Dabei wäre gerade jetzt so wichtig, dass wir wieder lernen, uns gut und sinnvoll zu streiten. Oder uns daran erinnern, wie das geht. Im privaten Umfeld, in sozialen Beziehungen, unter Kolleg:innen, in der Politik.

Dabei kann am Ende eines Streits durchaus die Erkenntnis stehen, dass die Positionen so sind, wie sie sind, und dass sich da nichts bewegt. Kein Kompromiss, keine Einigung. Na und?
Wenn ich meinem Gegenüber zugehört habe und wirklich versucht habe, die Position zu verstehen (und das bedeutet vielleicht nur, eine Meinung nachzuvollziehen oder Gefühle zu verstehen), dann bin ich am Ende des Streits etwas klüger als vorher. Vielleicht hat mein Gegenüber auch etwas gelernt. Aber mit offenem Herzen zuhören kann ich nur, wenn ich nicht die ganze Zeit damit beschäftigt bin, recht haben zu wollen, die andere Person überzeugen zu wollen, sie als dumm zu beschimpfen oder irgendwie anders zu demütigen.

Tucholsky sagt mir, dass ich nie ganz und gar recht habe. Es gibt Raum für Nuancen, für Irrtum, ich sollte meine Argumente sorgfältig prüfen und offen bleiben. Tucholsky sagt mir auch, dass mein Gegenüber nicht ganz unrecht hat. Es gibt auch da Raum für etwas, was ich übersehen oder falsch interpretiert habe, oder die andere Person weiß schlicht mehr als ich. Oder hat ein anderes Weltbild, das ich noch nicht verstanden habe. Das andere Weltbild muss ich dann weder verstehen noch muss ich ihm zustimmen, aber ich kann zumindest anerkennen, dass die andere Person deshalb einen anderen Standpunkt hat als ich und dass sie nicht notwendigerweise „objektiv“ im Unrecht ist. Indem ich der anderen Person im Streit zuhöre, kann ich etwas lernen.

Auf der Metaebene lese ich Tucholsky als Aufforderung zur Demut. Und ich wünschte, dass mehr Menschen einen Moment innehalten würden, bevor sie im Brustton der Überzeugung losschimpfen oder vermeintlich „diskutieren“ und sich so unglaublich sicher sind, dass sie voll und ganz recht haben.

Was davon spricht Sie an?
Was lesen Sie noch in dem Tucholsky-Zitat?

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