„Das sind Einzelfälle!“
Wo haben Sie das zuletzt gehört oder gelesen?
Vielleicht in der Form „Das sind bedauerliche Einzelfälle.“ oder
„Hier handelt es sich um einen Einzelfall, das kann man nicht verallgemeinern.“
Vielleicht auch so: „Es muss geprüft werden, ob es sich um Einzelfälle handelt oder ob es hier ein strukturelles Problem gibt.“
Genau darüber mache ich mir gerade Gedanken. Mir fallen sofort viele Beispiele ein: Politisch motivierte Straftaten, Diebstahl von Büchern aus der Unibibliothek oder einem Lernzentrum, Diskriminierung, Betrug bei Sozialleistungen, Ausnutzen von abhängig Beschäftigten, unfaire Bewertung von Prüfungsleistungen.
Bei mir selbst kann ich oft beobachten, wie meine Tendenz zu „Einzelfall“ oder „strukturelles Problem“ geht, je nachdem, worum es geht und wo bei dem Thema meine Voreinstellungen sind. Wenn einmal in zehn Jahren ein Buch aus dem Mathetreff gestohlen wird, dann verbuche ich das unter „Einzelfall“, und zwar auch deshalb, weil ich den Studis grundsätzlich vertraue und stehlende Studis nicht so gut in mein Weltbild passen. Würde ich das bei mehreren Diebstählen pro Jahr immer noch so sehen? Ab welcher Zahl würde ich mein Weltbild in Frage stellen? Wie kann ich bemerken, ob meine Weltsicht beim Argumentieren eine Rolle spielt, so als ob ich schon wüsste, was ein Einzelfall ist und was nicht? Denn in der Regel weiß ich das nicht, sogar dann, wenn ich eigene Erfahrungen damit habe.
Was passiert, wenn wir solche Voreinstellungen haben und das gar nicht nicht bemerken? Dann gehen wir vielleicht von falschen oder zumindest fragwürdigen Voraussetzungen aus. Kürzlich durfte ich wieder erleben, wie mühsam dann Diskussionen werden und dass man so wirklich nicht weiterkommt. Es wäre ja ok gewesen, wenn wir mit einem ähnlichen Kenntnisstand die gleiche Situation einfach nur unterschiedlich beurteilt hätten. Aber hier war es ganz klar so, dass wir uns nicht einig waren darüber, ob das (vielleicht) Einzelfälle sind oder ob es Hinweise auf ein strukturelles Problem gibt. Wenn man dann nicht in der Lage ist, das zu sehen und mal kurz die eigenen Voreinstellungen zu prüfen und ggf.
Privilegien zu erkennen, die der Grund dafür sind, dass man da kein eigene Erfahrungen hat, dann führt das Gespräch nicht weiter. Dann beginnt nämlich jeder Satz mit „Wir können doch nicht aufgrund von Einzelfällen …“.
Wo ist Ihnen das schon passiert?
Wo sind Sie mit Ihren Voreinstellungen, wo neigen Sie dazu, von falschen oder fragwürdigen Voraussetzungen auszugehen?
Wie könnten Sie das bemerken und einen Schritt zurücktreten, um im Gespräch offen dafür zu bleiben, dass Sie sich irren?
Welche Fragen müssen wir uns gegenseitig stellen, um das zu bemerken und gesichtswahrend weiter miteinander sprechen zu können?
