If it does not challenge you …

… it does not change you.

Wieder so eine Aussage, von der es viele Variationen gibt: Wenn es mir Angst macht, ist es wahrscheinlich eien gute Idee. Große Dinge passieren außerhalb der Komfortzone. Wenn es keine Herausforderung ist, werde ich daran nicht wachsen.

Ich bin nicht mal sicher, ob ich da überall 100% zustimme, aber trotzdem stoßen Aussagen wie diese bei mir erst mal auf Resonanz. Beim Versuch, den Grund dafür zu verstehen, habe ich mich an verschiedene Situationen erinnert, bei denen ich eine Entscheidung treffen musste und es etwas gab, was mir Angst gemacht hat. Nicht Angst im Sinne von „Angst um mein Leben“, sondern Angst vor einer großen Veränderung, vor Überforderung, vor dem Scheitern.

Inwiefern stimmen Sie den Aussagen oben zu? Fühlt sich das für Sie wahr an? Wann haben Sie zuletzt etwas getan, was Ihnen etwas Angst gemacht hat? Warum haben Sie es trotzdem getan? War die Entscheidung im nachhinein gut? Oder vermeiden Sie grundsätzlich alles, was Ihnen Angst machen könnte?

Beim Nachdenken entstand die Frage, um welche Art von Angst es überhaupt geht und ob dieses kleine Gefühl von „Oha, worauf habe ich mich da eingelassen?“ vielleicht sogar nötig ist, damit wir überhaupt merken können, wo unsere Komfortzone verläuft. Dabei unterscheide ich auch zwischen Angst in einer konkreten Situation (z.B. Lampenfieber vor der ersten Vorlesung vor einem neuen Ersti-Jahrgang) und der Angst vor etwas, also der Befürchtung, dass etwas passieren könnte. Da spielt sich alles im Kopf ab.

Warum habe ich zugesagt, diese Rede zu halten? Ich hab sowas doch noch nie gemacht! Was, wenn mir vor Aufregung die Stimme wegbleibt oder ich plötzlich Schluckauf bekomme? Was, wenn die Leute meine Witze nicht lustig finden oder den Inhalt der Rede belanglos?

Was passiert, wenn ich auf dieser großen Konferenz vortrage und dann ganz viele kluge Nachfragen kommen, die ich nicht beantworten kann? Stehe ich dann als inkompetent da?

Was, wenn ich im Vorstellungsgespräch den Faden verliere, mich im Ton vergreife, unsicher wirke, naheliegende Fragen nicht beantworten kann?

Was, wenn ich in der Betreuung inkompetent bin und deshalb jemand seine Abschlussarbeit nicht schafft?

Was, wenn ich einen Job im Ausland annehme und ich mich da ganz allein nicht zurechtfinde? Wenn ich einsam bin oder mich fremd fühle? Wenn ich den Anforderungen an den Job nicht gewachsen bin?

Kommen solche Gedanken Ihnen bekannt vor?

Vor Jahren hatte ich mal ein langes Gespräch mit einer älteren Kollegin, das ich diesbezüglich sehr erhellend fand. Es ging darum, eine an mich herangetragene Aufgabe anzunehmen oder abzulehnen, und dazu habe ich sie um Rat gefragt. Ich fühlte mich noch zu jung, nicht erfahren und kompetent genug. Mein inneres Selbstgespräch war also ganz klar negativ. Sie hingegen fand die Aufgabe spannend und hat mir ganz lebhaft ausgemalt, was ich für Möglichkeiten hätte und was ich alles lernen würde. Sie fand es aufregend und hat mir dazu geraten, Ja zu sagen. Am meisten hat mich dran verblüfft, wie sehr sich ihre Sichtweise von meiner unterschied. Sie hat mir auch von eigenen Erfahrungen berichtet und davon, wie sie solche Entscheidungen normalerweise trifft. Für ein Ja war es dann oft ausreichend, dass die Aufgabe interessant war, eine neue Herausforderung, dass sie dort Gestaltungsspielraum gesehen hat. Alles das, was bei mir Angst und Sorge vor Überforderung ausgelöst hat, war bei ihr eine spannende Herausforderung und eine Gelegenheit, sich weiterzuentwickeln und zu wachsen.

Ich bin damals ihrem Rat nicht gefolgt und habe trotzdem Nein gesagt, weil mein Bauchgefühl sehr klar bei „Nein“ war. Aber diese Unterhaltung hat mich sehr beeindruckt und hat dafür gesorgt, dass ich bei ähnlichen Gelegenheiten jetzt anders nachdenke. Ich höre meinem inneren Dialog zwar zu und lasse die Angst zur Sprache kommen, aber ich denke jetzt viel stärker darüber nach, warum die Aufgabe spannend wäre, was ich lernen würde, und warum es sich lohnen würde, Ja zu sagen oder mitzumachen. Außerdem differenziere ich stärker, worauf die Angst sich eigentlich bezieht. Angst davor, zu versagen? Oder keine Zeit mehr für andere Dinge zu haben?

Seit diesem Gespräch ist viel Zeit vergangen und ich stand schon mehrmals wieder vor ähnlichen Entscheidungen. Manchmal war das Bauchgefühl ganz klar „Nein“, gut begründet, und dann bin ich dem gefolgt. Manchmal kam sofort ein klares „Ja“. Und immer wieder passiert es, dass die Lage nicht so klar ist und ein innerer Dialog anfängt, wo es um Angst vor Überforderung geht. Dann übe ich (immer noch!), mir folgende Fragen zu stellen: Was genau macht mir Angst? Habe ich die nötige Erfahrung und Kompetenz? Falls nicht, kann ich sie erwerben? Was davon ist wirklich nötig? Mache ich mir da unnötig Sorgen, könnte ich in die Aufgabe hineinwachsen? Wie wäre es ohne die Angst? Ist die Aufgabe an sich spannend? Was würde ich lernen? Passt die Aufgabe zu meinen Prioritäten? Wenn ja, dann sage ich inzwischen immer öfter „Ja“ und vertraue darauf, dass ich mit der Herausforderung wachse. Und das hat zu wirklich tollen neuen Projekten und Kontakten geführt. Wenn ich die Angst so behandle, dann hilft sie mir, nicht blauäugig zu sein und die neue Herausforderung ernst zu nehmen. Sie erinnert mich daran, dass ich inhaltlich gut vorbereitet sein muss.

Am Ende ist es also weniger „Das macht mir Angst, also lasse ich es lieber.“ und mehr „Es klingt spannend und macht mir ein bisschen Angst, also ist es eine gute Idee!“

So, und jetzt sind Sie dran! Was macht Ihnen Angst? An welchen Herausforderungen wachsen Sie?

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