Wir müssen reden, wir wollen reden.
Über die Politik, die Nachrichten, die Weltlage, aber auch das, was in unserem Alltag davon zu sehen ist, ganz konkret, und was uns Sorgen macht.
Stimmt es eigentlich, dass wir alle nur in 10-Sekunden-Clips denken und dass unsere Aufmerksamkeit nicht ausreicht, um einen langen Artikel zu lesen oder bei einem ausführlichen Gespräch zuzuhören? Wie wertvoll sind Beiträge, bei denen wir das Gefühl haben, dass alle Beteiligten ihren festen Standpunkt haben und gar nicht miteinander klüger werden wollen?
Ich sortiere ein bisschen, anlassgebunden.
Aus Gesprächen und der Beobachtung von mir selbst habe ich den Eindruck, dass wir je nach Thema und eigener Verfasstheit (Stresslevel und so) wirklich manchmal keine Lust auf lange Nachrichten, Details und Hintergründe haben und dass wir dann empfänglich für verkürzte Botschaften sind. Interessant fände ich, ob Erschöpfung dazu führt, dass wir auch anfälliger dafür werden, Falschmeldungen zu glauben und nicht mal mehr einfachste Plausibilitätschecks zu machen. Aber gleichzeitig gibt es die langen Nachrichtenformate, die Einzelinterviews, die langen Podcasts oder Videos, bei denen wirklich ausführlich erklärt oder miteinander gesprochen wird. Ich vermute, dass die sich nicht (lange) halten würden, wenn das gar nicht wirtschaftlich wäre. Und dann frage ich mich, ob die Formate selbst wirtschaftlich sind oder ob es dann darum geht, wie Schnipsel vermarktet werden, Reaktionsvideos dazu, Meta-Analysen, endlose Kommentare und Artikel über einzelne Passagen, die dazu führen, dass das Originalvideo oder der Originalartikel dann wegen der Nachbesprechung viel stärker rezipiert wird. Als gäbe es die erste Reaktion und dann, nachgelagert, eine viel größere zweite und dritte, die zumindest teilweise eine Metareaktion ist.
Mich macht das alles sehr nachdenklich.
Mit wem reden wir und warum?
Wem hören wir zu und warum?
Wie muss ein Gesprächsangebot aussehen, dass sich wirklich offen anfühlt?
Wo verläuft die Grenze zwischen Nachfragen, Widersprechen/Richtigstellen und Suggestion bzw. Verzerrung durch Unterbrechen und die Art der Gesprächsführung?
Was ist wann zulässig oder geboten?
Ich hab gelernt, dass ich es schwierig finde, über Formate zu sprechen, die ich nicht gesehen/gelesen/gehört habe, bei denen ich nur Reaktionen erlebt habe. Eigentlich kann ich dann dazu keine Meinung haben. Manchmal bin ich neugierig, möchte aber die Person, die den Beitrag erstellt hat, aus Gründen nicht unterstützen bzw. ihre Reichweite erhöhen.
Ich habe auch erlebt, wie eine gute Gesprächseinladung gelingen kann, und dabei habe ich viel gelernt von und über Menschen, die ganz anders auf die Welt schauen als ich.
Ich wünsche mir mehr solche Gesprächseinladungen.
Öfter mal ein „Wie siehst Du das?“, ohne die andere Person korrigieren oder bloßstellen zu wollen.
Ich wünsche mir Differenzierung:
Wo geht es darum, dass wir uns erst mal auf eine gemeinsame Wirklichkeit einigen?
Wo könnten wir sagen: So sehen wir beide die Lage, und nun ziehe ich daraus diese Schlüsse und Du ganz andere.
Warum denn genau?
Und was machen wir, wenn wir diese gemeinsame Wirklichkeit gar nicht finden?
Da weiß ich dann manchmal nicht weiter.
