Mehr geht immer

Mein Bruder hat mal zum Thema Kindererziehung gesagt, dass man immer noch geduldiger sein könne. Und ich konnte in vielen Situationen beobachten, wie mehr Geduld und immer mal „Innehalten“, anstelle einer spontanen Reaktion, Konfliktsituationen entschärft haben. Das gilt nicht nur für den Umgang mit Kindern.

Gestern habe ich in einem Testzentrum eine beeindruckende Lektion in Sachen Geduld bekommen. Vorweg: Ich halte mich für ziemlich geduldig, aber das war wirklich noch mal in einer anderen Liga. Es gab mehrere Schlangen am Testzentrum, in denen Leute warteten, manche standen auch so rum, und ich sah keine klare Beschilderung. Also habe ich mich erst mal irgendwo angestellt und dachte, man würde die Leute mit Termin aufrufen oder so. Das passierte aber nicht, und ich bekam mit, dass da noch andere Leute mit Termin warteten, in einer anderen Schlange. Nach dem Schlangenwechsel bekam ich immer mehr davon mit, wie Leute sich gegenseitig halfen, Fragen beantworteten, und wie zwischendurch das Personal ordend eingriff und auch mal freundlich Leute ans Ende der Schlange schickte, die sich vordrängeln wollten. Dann war ich dran, und es gab ein technisches Problem. Irgend ein QR-Code, den ich mit meiner Bestätigungsmail hätte erhalten haben sollen, war nicht da bzw. ließ sich nicht öffnen.

Mit einer unglaublichen Geduld schaute die Mitarbeiterin mit mir nach, wo das Problem sein könnte, ob wir zum Beispiel etwas in den Einstellungen meines Handys ändern müssten. Um uns herum wuselte der Betrieb weiter, aber sie blieb ruhig und freundlich. Irgendwann, wahrscheinlich nach fünf Minuten, die sich für mich aber wie eine halbe Stunde anfühlten, wurde klar, dass wir das Problem nicht lösen können, und mir dämmerte, dass ich vielleicht nicht getestet werden könnte. (Und das wäre doof gewesen für die 2G+-Veranstaltung, zu der ich unterwegs war.) Als die Mitarbeiterin also sagte, dass sie jetzt nichts mehr machen könne, dass es ohne den QR-Code nicht gehe, dass ich ja einen neuen Termin machen könne, fragte ich nach: Heißt das, dass ich jetzt nicht getestet werden kann?

Hieß es nicht. Vielleicht war es einfach Glück, dass es für kurze Zeit etwas ruhiger war im Testzentrum. Denn meine Befürchtung trat nicht ein. Ich musste einfach nur mehr Kram ausfüllen, und es dauerte länger als geplant, aber ich wurde getestet und bekam mein Ergebnis dann eben in Papierform. Das alles passierte mit einer Ruhe und Freundlichkeit, die mich absolut beeindruckt hat. Allein die Geduld, mit der jede einzelne Anfrage beantwortet wurde, und dass sich eine Person mehrere Minuten lang nur mit mir und meinem komischen Problem mit dem Handy und dem QR-Code beschäftigt hat! Die hätten ja auch sagen können:
Kein QR-Code, kein Test, Ihr Problem.

Hut ab.
Wirklich.
Ich habe mich bei allen für die Geduld und Freundlichkeit bedankt. Besonders beeindruckt war ich von der Selbstverständlichkeit dieses Umgangs mit den Menschen. Das war keine Ausnahme. Das machen die jeden Tag so, das konnte ich deutlich spüren. Von früh bis spät, mit sehr vielen Menschen, von denen immer mal wieder welche ungeduldig, unfreundlich oder sogar beleidigend sind.

Klar hat es geholfen, dass ich selbst ziemlich ruhig und freundlich gewesen bin. Und geduldig. Aber ganz ehrlich: Da geht noch mehr. In Sachen Geduld und Freundlichkeit kann ich mir da noch eine Scheibe abschneiden.
Hut ab.

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